Das Benzol-Orchester – ein studentischer Scherz im WS 1868/69

Es ist eine Rarität in Hans Hübners Nachlass, dieses gestellte Gruppenfoto der Studenten des allg. chemischen Laboratoriums Göttingen im Wintersemester 1868/69.

(Anklicken zum Vergrößern)

Studenten hatten neben dem fachlichen Interesse meist auch vielfältige Begabungen. Musik, Malerei, Literatur u.a. fanden ihren Niederschlag auch in vielfältigen Aktivitäten, die im sehr persönlichen Umgang miteinander auch im Wöhlerschen Laboratorium ausgelebt wurden. So veranstaltete man Konzerte im Labor wie auch außerhalb, fand sich zu Lesungen, malte, traf Künstler und besuchte Kulturveranstaltungen. Auch die Fotografie hatte in breiteren Kreisen Einzug gehalten und machten vor den Laboratoriumstüren nicht halt, wie vielfältige Zeugnisse (Cartes de Visite / Dedikationsbilder / Gruppenfotos) belegen.

So auch hier, wo sich die Studenten zu einem nicht überlieferten Anlass ideenreich zusammentun, um äußerst kreativ eine Szene zu stellen, über der eine professionell ausgeführte Zeichnung (tlw. weiß gehöht!) angebracht ist, auf der August Kekulé und Hans Hübner als schwebende Engel einen substituierten Benzolring tragen – quasi die Apotheose des Benzolrings. (Details siehen unten)

Diese Inszenierung des Gesamtbildes suggeriert zugleich, man hätte ein kleines Orchester vor sich, das zu einem Anlass aufspielt.

Im Vordergrund an der Kante des Experimentiertisches ist zudem ein Zettel mit einem handgemalten „O.“ angebracht – vielleicht ein Symbol für die „organische Chemie“ – und zugleich „Orchester“ oder die „Stunde Null“?


Über die Abgebildeten:

Auf dem Passepartout dieses Fotos finden sich unten die Unterschriften der meisten der abgebildeten Studenten (v.l.n.r.):

  1. Unbekannt
  2. M. Darmstadt (sitzend), promoviert 1869
  3. Ira Remsen aus den USA, promoviert 1870. Remsen ging mit Prof. Rudolf Fittig nach Freiburg i.Br. und wurde dort sein Assistent. In den USA war Remsen später als Professor an der John Hopkins Universität in Baltimore der Reorganisator des chemischen Hochschulstudiums. Gemeinsam mit Constantin Fahlberg entdeckte er den Süssstoff Saccharin.
  4. Theodor Zincke, Apotheker, promoviert 1868, später Dozent und Professor in Bonn sowie in Marburg.
  5. Paul Jannasch, studierte zuletzt in Greifswald und wurde 1869 in Göttingen promoviert. Er habilitierte sich in Göttingen für analytische Chemie und folgte 1889 Prof. Viktor Meyer nach Heidelberg.
  6. P. G. Bieber, welcher im Sommersemester 1869 nicht mehr in Göttingen verzeichnet ist.
  7. E. Angerstein (sitzend), promoviert 1869. Veröffentlichung über die Dibrombenzoesäure (Annalen der Chemie Bd. 158)
  8. Wilhelm Hildemar Mielck aus Hamburg, promoviert 1869 in Göttingen bei Rudolph Fittig.

Die Zeichnung im Hintergrund:

Die Substituenten des Benzols sind:
An Stelle 1 befindet sich ein hier nicht deutbares M(F)-Buchstaben Symbol.
Die Positionen 2-6 nehmen ein: Die Hydroxyl-, Methyl-, Amin-, Carboxyl-Gruppen und Wasserstoff.
Die C-Symbole im Kern sind vierlappig dargestellt. Es ist  eine besondere Referenz an Kekulé, der diese Schreibweise in seinem „Lehrbuch der Organischen Chemie oder der Chemie der Kohlenstoffverbindungen“ 1. Band, Erlangen 1862, S. 160-165 verwendet. Dieser „vierbasische“ oder „vieratomige“ Kohlenstoff ist bei den C-enthaltenen Substituenten mit vier durch Einschnürungen miteinander verbundenen Kreisen gezeichnet.

 


Foto:
Aus dem Nachlass Hans Hübner. Schenkung an das Museum der Göttinger Chemie 1993.

Recherche: Dr. Günther Beer, Göttingen (1993) und Peter Hübner (2018)
Siehe auch Museumsbrief 13/1994 des Museums der Göttinger Chemie.